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Serious Game Spotlight - Sea Hero Quest VR


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Jasmin Widmer

Dies ist der erste Eintrag der Serie Serious Games Spotlight, wo wir Spiele anderer Entwickler vorstellen. Dies soll die Vielfalt von Serious Games und ihren Anwendungen aufzeigen.

Überblick

Als erstes Spiel habe ich Sea Hero Quest VR ausgewählt, mit welchem momentan aktiv geforscht wird [1]. Sea Hero Quest VR ist ein Virtual Reality Rätselspiel, in dem man einen jungen Seemann spielt, der die verlorenen Erinnerungen seines an Demenz erkrankten Vaters wiederfinden will. Man befindet sich alleine auf dem Meer und navigiert sein kleines Schiff Level für Level durch verschiedene Gebiete.

Das Spiel zeichnet die Verhaltensmuster der Spieler auf und stellt diese der Forschung über Demenzerkrankungen zur Verfügung. Ziel dieser Forschung ist es, Anzeichen einer Demenz-Erkrankung anhand beeinträchtigter Orientierung früher zu erkennen.

Spiel

Hat man sich erfolgreich eingerichtet (Siehe Geräteanforderungen weiter unten) und das Spiel gestartet, spielt sich dieses VR Game erfreulich intuitiv. Man startet in der Fahrerkabine eines kleinen Kutters. Neben einer grossen Seefahrerkarte, welche zur Level-Auswahl dient, befinden sich weitere Gegenstände in der Kabine, die zusätzliche Informationen über das Spiel bieten sowie erreichte Achievements zeigen. Durch Kopfbewegungen kann man sich umsehen und mit Schwenken des Controllers lassen sich die Gegenstände und Levels auswählen. Der Controller wird später zusätzlich für das Steuern des Schiffes benutzt.

Nach einer Einführung in die Spielbedienung hat man verschiedene kurze Levels zur Auswahl: Karten-Levels, Raketen-Levels, Monster-Levels sowie optionale Levels, wo man Angaben zur eigenen Person machen kann.

Eine Auswahl an Bildern, welche das Gameplay der verschiedenen beschriebenen Lebels zeigt.
Gameplay in Sea Hero Quest. Credits: Glitchers

In den Karten-Levels muss man sich innerhalb einer bestimmten Zeit die nummerierten Bojen auf der Karte einprägen. Danach verschwindet die Karte. Unter Zeitdruck fährt man die Bojen in der richtigen Reihenfolge ab. Zur Orientierung dient nur die virtuelle Umgebung.

In den Raketen-Levels startet man ohne Karte. Vor sich sieht man eine Boje, welche man mit einer Rakete treffen soll. Die Rakete befindet sich an einem Ort ausserhalb des Sichtfeldes. Die Spieler müssen zuerst dorthin navigieren, um die Rakete zu finden. Von der Position der gefundenen Rakete aus kann man dann in die Richtung schiessen, wo man die Boje vermutet. Es gibt keine visuellen Hinweise; man muss sich daran erinnern, wo sich die Boje befindet, relativ zur jetzigen Position.

In den Monster-Levels sucht man auf einem kreisrunden See ohne auffällige Merkmale ein Monster. Nachdem man es gefunden hat, verschwindet das Monster mehrmals, sodass man es auf ein Neues suchen muss.

Nach erfolgreichem Abschliessen der Levels werden weitere freigeschaltet. Perfektes Abschliessen der Levels schaltet Achievements frei, welche als Gegenstände im Boot angezeigt werden, wie zum Beispiel ein Kompass oder ein Quietscheentchen.

Die Grafik ist fröhlich, bunt und vor allem klar designt, passend zur Zielgruppe. Als stark kurzsichtige Person habe ich mich über den guten Kontrast und die grosse Schrift sehr gefreut. Da können sogar einige herkömmliche VR Games noch etwas davon lernen.

Geräteanforderungen

Sea Hero Quest VR ist erhältlich für die Oculus, Android und iOS Geräte. Leider läuft das Spiel nicht wie angepriesen auf allen Smartphones. Bei Android zum Beispiel stellte sich heraus, dass nur Google Daydream fähige Smartphones Sea Hero Quest VRabspielen können. Zudem braucht es ein Daydream Headset inklusive Controller, um das Spiel zu bedienen. Mit etwas Basteln, einem Google Cardboard Headset und einem zweiten Handy als Controller brachte ich es aber dann doch noch zum Laufen.

Diese spezifische Geräteanforderung dürfte die Durchschnittsspieler wahrscheinlich schon überfordern. VR zu nutzen ist aber durchaus sinnvoll, denn das räumliche Orientierungsvermögen ist der Hauptfokus dieses Spiels, auch wenn dies bedeutet, einen kleineren Datenpool zur Verfügung zu haben.

Vor dem Start des Spiels war ich etwas skeptisch, da die ältere Zielgruppe aufgrund von Unvertrautheit mit der Steuerung sich unsicher verhalten könnte. Deshalb kann die erfasste Navigation in der Datenerfassung viel unsicherer wirken, als bei einem vergleichbaren Test in der realen Welt. Wir haben zum Beispiel in Studien unseres Spiels Plunder Planet schon gesehen, dass die Art des Controllers einen Unterschied in der Performance der Spieler macht.

Diese Bedenken hatte das internationale Forscherteam von Sea Hero Quest VR schon abgeklärt. Sie sind zum Schluss gekommen, dass das Orientierungsverhalten in der realen Welt dem in der virtuellen Welt ihres Spiels sehr ähnlich ist, und die Varianz von Unvertrautheit mit der Technik verschwindend klein ist [2].

Das Bild zeigt die Ansicht aus der Bootskabine.
Bootskabine und Levelauswahl in Sea Hero Quest. Credits: seaheroquest.com

Nutzen des Spiels

Die unterschiedlichen Mechaniken der Levels führen die Spielenden durch verschiedene Diagnoseprozesse. Die Karten-Levels zeichnen auf, welche Strategien die Spieler zur Wegfindung anwenden. In den Raketen-Levels wird mittels dem Zeigen auf einen nicht sichtbaren Punkt die Vektororientierung der Spieler gemessen. Diese Daten werden mit den Angaben zur eigenen Person, wie Alter, Geschlecht, Herkunft und Ausbildung ergänzt.

Ziel dieser Datenerhebung ist es, einen genug grossen Datenpool zu haben, aus dem man ein durchschnittliches Wegfindung-Verhalten ableiten kann. Gegen dieses kann man das Verhalten der Menschen prüfen, bei denen man bereits weiss, dass sie aus genetischen Gründen eine grosse Chance haben an Demenz zu erkranken. Sollte ein messbarer Unterschied der räumlichen Orientierungsfähigkeit ersichtlich sein, könnte man mit dem Spiel früher und effizienter diagnostizieren, ob jemand an Alzheimer leiden wird. Der Grund dafür ist, dass der Orientierungssinn bei Demenz schon sehr viel früher beeinträchtigt ist als die Gedächtnisleistung, welche momentan für die Diagnose von Alzheimer geprüft wird.

Das Bild zeigt verschiedene Daten der Verhaltensmuster aus der Studie Toward personalized cognitive diagnostics of at-genetic-risk Alzheimer’s disease.
Datenvisualisierung der Verhaltensmuster aus der Studie Toward personalized cognitive diagnostics of at-genetic-risk Alzheimer’s disease, 2019. Credits: researchgate.net

Das Spiel Sea Hero Quest VR wurde von einem internationalen Forschungsteam entwickelt (Unter anderen mit der University College London, der University of East Anglia sowie der French National Centre for Scientific Research), von Glitchers programmiert, von der Deutschen Telekom sowie Alzheimer’s Research UK finanziert. Weitere Informationen findet man in den verlinkten Studien, sowie auf der Homepage von Sea Hero Quest

Nachtrag

Anscheinend gibt es eine Alternative Version des Spiels, welche sich ohne VR spielen lässt. Sie enthält eine Ansicht auf das Schiff aus der Beobachterperspektive, und hat einen anderen Levelaufbau. Diese Version scheint aber nicht mehr offiziell erhältlich zu sein. Ich weise deshalb darauf hin, dass es sich bei diesem Review nur um die VR Version von Sea Hero Quest handelt.

Einzelnachweise

  1. Toward personalized cognitive diagnostics of at-genetic-risk Alzheimer’s disease. Coughlan, G., Coutrot, A., et al. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. April 2019. DOI: 10.1073/pnas.1901600116

  2. Virtual navigation tested on a mobile app is predictive of real-world wayfinding navigation performance. Coutrot A, Schmidt S, Coutrot L, Pittman J, Hong L, Wiener JM, et al. March 18, 2019. PLoS ONE 14(3): e0213272. DOI: 10.1371/journal.pone.0213272